Workshops

Thema 3: Gesamtenergetische Betrachtung und Optimierung („Graue Energie“)

Pecha Kucha Vortrag: (10:45-11:15)
Weniger ist weniger – Planerische Integration der Suffizienz im Gebäudebereich, Andrea Georgi-Tomas (ee concept, Darmstadt)
Workshop 1. Teil:
(11:15-12:15)
Impulsreferat: Und erlöse den Bauherrn! Ökoroutine als Triebfeder der Energiewende, Dr. Michael Kopatz (Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie)
Workshop 2. Teil: (13:15-14:15)
Impulsreferat: Wie sich mit guter Architektur (Graue) Energie sparen lässt, Nanni Grau (Hütten und Paläste, Berlin)
Moderation: Helmut Rehmsen

Strommast mit Windrädern © thomaslerchphoto, https://de.fotolia.com

Teil 1

Workshop Teil 1 (11:15 – 12:15 Uhr)
Impuls: Wie sich mit guter Architektur (Graue) Energie sparen lässt.
Nanni Grau (Hütten und Paläste, Berlin)

Trotz gut gedämmter Gebäude und energieeffizienter Anlagentechnik steigt der Energiebedarf bisher stetig an. Bislang richtete sich der Fokus bei der Förderung und im Ordnungsrecht auf die Steigerung der Energieeffizienz und des Anteils erneuerbarer Energien. Dies allein wird allerdings keine hinreichende Reduktion der Endenergieverbräuche bewirken, solange z.B. der Pro-Kopf-Wohnflächenbedarf weiter wächst und Energieverbräuche, die für Errichtung und Entsorgung von Gebäuden aufgewendet werden müssen, nicht in die Bilanz einfließen. Eine energetische Betrachtung des Gebäudes über seinen gesamten Lebenszyklus, also auch sein Verbrauch an grauer Energie, sowie ein Weniger an Ressourcen- und Flächenverbrauch im Sinne der Suffizienz sind unabdingbar für das Erreichen der Klimaschutzziele.
Wie sich der Paradigmenwechsel zu einer gesamtenergetischen Betrachtung erreichen ließe und wie die allgemeine Akzeptanz hierfür erhöht werden könnte, darum ging es in Workshop 3.

Mit diesem Thema beschäftigte sich der erste Teil des Workshops 3. Den Einstieg in die Diskussion gab die Berliner Architektin Nanni Grau, deren Büro 'Hütten und Paläste' auf besondere Standorte und Bauaufgaben spezialisiert ist. Sie stellte aus dem Portfolie ihres Büros Beispiele vor, bei denen die gebäudebezogene Optimierung sowie die bauteilbezogene Optimierung der Grauen Energie im Vordergrund standen. Das Projekt CRCLR House, 2016, eine Wohnungsbauaufstockung – gefördert durch das SIWA-Programm des Berliner Senats, ist ein Organismus mit zirkulären Stoffkreisläufen. Eine historische Lagerhalle wurde als Kultur- und Gewerbestandort sowie zu Wohnungen in modularer Holztafelbauweise aufgestockt. Wohn- und Gewerbenutzungen werden anhand von Kreislaufprozessen vielfältig miteinander verbunden. Ein Beispiel für die innovative Umnutzung eins Bestandsgebäudes.

Nutzungsphase über gesamten Lebenszyklus betrachten

In der anschließenden Diskussion wurde herausgestellt, dass der Fokus oft nur auf der Nutzungsphase des Gebäudes liegt. Die Herstellung der Baustoffe, der Technik sowie die Bauwerkserrichtung und auch Entsorgung nach der Nutzungsphase müssten zunehmend betrachtet werden. Doch wie sieht das optimale Verhältnis von grauer Energie und Betriebsenergie aus? Das Optimum bestimmt sich v.a. in Abhängigkeit von der Lebensdauer der eingesetzten Materialien sowie der angestrebten Nutzungsdauer der Gebäude. Diese kann potenziell schon während der Planung deutlich erhöht werden, wenn die Gebäude ein flexibles Nutzungskonzept aufweisen und entsprechend konstruiert werden.
Ideen zu Lösungsansätzen wurden im Workshop gesammelt und nach Zielgruppe KfW, Architekten sowie Politik aufgeteilt. An die KfW gerichtet wurde die Förderung einer Ökobilanzierung, eine Umnutzungsförderung, ein Bonus für die Wiederverwendung von Bauteilen und der Vorschlag Dachaufstockungen als Sanierung zu fördern, genannt. Ebenso wichtig wie energetische Standards seien die ökologische Qualität und der CO₂-Fußabdruck der eingesetzten Materialien. Die Vorteile von nachwachsenden oder aus Recycling gewonnenen Baustoffen sollten sich in den Förderinstrumenten widerspiegeln. Der aktuell übliche Fokus auf die technischen Eigenschaften greife zu kurz und lässt Aspekte wie die zusätzliche Minderung von CO₂-Emissionen, die Schonung der eingesetzten Ressourcen, die Energieeinsparung im Herstellungsprozess sowie die Wiederverwendbarkeit oder problemlose Entsorgung unbeachtet.

Im Hinblick auf die Zielgruppe Architekten wurde auch die Bestandsnutzung sowie der Wunsch nach Transparenz bei Energieflüssen genannt. Architekten bräuchten Vorgaben durch qualitative Planung: „Schönheit ist nachhaltig“, so Frau Ettinger-Brinckmann.
In Richtung der Politik wurde die Einführung einer CO2- Steuer gefordert. Über eine CO₂-Steuer könnten die ökologischen Folgekosten unterschiedlicher Energieträger endlich gerecht mit einem Preisschild versehen und so die Wettbewerbsfähigkeit von Energieeffizienzmaßnahmen und erneuerbaren Strom-Wärme-Anwendungen erhöht werden. Auch kam der Vorschlag eine Grundsteuer vor allem auf unbebaute Grundstücke zu erheben. Flächenverbräuche sollten reguliert werden und bei der Nutzung die Partizipation gefördert werden. Auch die Einführung des Baukindergeldes, bevorzugt im Bestand, wurde angeführt. Bauschutt solle verteuert und somit Recycling attraktiver gemacht werden.

 

Teil 2

Workshop Teil 2 (13:15 – 14:15 Uhr)
Impuls: Und erlöse den Bauherrn! Ökoroutine als Triebfeder der Energiewende.
Dr. Michael Kopatz (Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie)

Es gibt ein Bewusstsein für die Nachhaltigkeitsthemen, jedoch wird nicht viel davon in die Praxis umgesetzt. Beim Bauen geht Nachhaltigkeit weit über das hinaus, was Energieeinsparverordnung & Co fordern: seien es eine Beschränkung beim Pro-Kopf-Wohnflächenbedarf, die Verwendung von nachwachsenden Baustoffen oder die Gewährleistung von Barrierefreiheit. Vieles von dem, was Nachhaltigkeitsleitfäden an Kriterien enthalten, wird von Bauherren als finanzielle Zumutung und von Gebäudenutzern als Verzicht empfunden. Das hat zur Folge, dass kollektiv zwar der Wandel gewünscht wird, dass individuell jedoch nur wenige den Anfang machen und finanzielle Nachteile in Kauf nehmen möchten.

Eine thematische Einleitung gab Dr. Michael Kopatz (Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie) mit seinem Vortrag zum Thema: „Und erlöse den Bauherrn! Ökoroutine als Triebfeder der Energiewende.“ Das Prinzip der Ökoroutine löse sich von umweltmoralischen Appellen und sorge mit Hilfe von Standards und Limits dafür, dass sich der Wandel zur Nachhaltigkeit in weiten Teilen verselbständige. Somit würden die Verhältnisse geändert, anstatt das verhalten. Technologien und Herstellungsverfahren werden so schrittweise naturverträglicher und effizienter und Verhaltensweisen genügsamer.

Dr. Kopatz: „Suffizienz in der Architektur bedeutet Genügsam zu sein und zu sagen, „es ist genug“. Es geht nicht nur darum neu zu bauen, sondern umzubauen und die vorhandene Bausubstanz besser und achtsamer zu nutzen.“

In der folgenden Diskussion wurden zunächst die Faktoren zusammen getragen, die der notwendigen Suffizienz im Wege stehen. Hier wurden die Gewohnheit (Beharrungsvermögen der Wohnbedürfnisse), fehlendes Know How, Wirtschaftlichkeit der Sanierung, Rebound-Effekte und der Einfluss von Brandschutzverordnungen und Hindernisse durch Bebauungspläne genannt.

Mit welchen Stellschrauben ließe sich Suffizienz erreichen? Graue Energie in der Förderung verankern.

Für Effizienz und Suffizienz sind integrierte Politikpakete aus Fördern und Fordern erforderlich, so Dr. Kopatz. Gemeint sind finanzielle Förderkonzepte sowie Grenzwerte des Verbrauchs für Gebäude, Geräte, Anlagen und Fahrzeuge. In der Architektur sei bauliche Anpassungsfähigkeit, Nutzungsneutralität (auch in Wohngebäuden) und die Haltbarkeit von Wichtigkeit. Ein Vorschlag hierzu war es, die Neubauqote zu begrenzen und somit auch den Flächen- und Ressourcenverbrauch. Die Attraktivität von Erhalt und Sanierung solle gegenüber Abriss und Neubau erhöht werden, z.B. durch die Berücksichtigung der gesparten Grauen Energie in der Bilanzierung. Die derzeitige Betrachtungsweise greife zu kurz: wichtige Aspekte, wie die CO₂-Emissionen, eingesetzte Ressourcen und Energieverbrauch im Produktionsprozess sowie die Wiederverwendbarkeit und problemlose Entsorgung von Baustoffen müssten stärker in den Fokus gerückt werden. 
Hier sei ein Paradigmenwechsel notwendig, nicht nur der Nutzungszeitraqum eines Gebäudes solle bewertetet werden sondern schon eine Betrachtung in der Phase 0 ansetzen und sich über den gesamten Lebenszyklus der verwendeten Materialien und Baustoffe erstrecken.

Veröffentlichungen zum Thema:

Ökoroutine (M. Kopatz)
Energiepolitik der Zukunft
(M. Kopatz)

 

Zurück

^