Workshops

Thema 1: Gebäude und Quartiere zukunftsfähig bauen und sanieren

Pecha Kucha Vortrag: (10:45-11:15)
Der Gebäudebestand als zentraler Hebel für einen klimaneutralen Gebäudesektor, Prof. Dr.-Ing. Gunnar Grün (Fraunhofer IBP)
Workshop 1. Teil:
(11:15-12:15)
Impulsreferat
: Ordnungs- und förderrechtliche Stellschrauben für das Vorankommen der Energiewende im Gebäudesektor, Dr. Frank Heidrich (BMWi)
Workshop 2. Teil: (13:15-14:15)
Impulsreferat: Nachhaltige Gebäude – mehr als nur gut gedämmt und effizient beheizt, Amandus Samsøe Sattler (Allmann Sattler Wappner Architekten, München)
Moderation: Jörg Schumacher (BAK)

Workshop-Ergebnisse zum Thema 1:

Wohnheim Eckenbergstrasse © Acms Architekten, Fotograf: Sigurd Steinprinz, Düsseldorf

Teil 1

Workshop Teil 1 (11:15 – 12:15 Uhr)
Impuls: Ordnungs- und förderrechtliche Stellschrauben für das Vorankommen der Energiewende im Gebäudesektor, Dr. Frank Heidrich (BMWi)

Im ersten Teil des Workshops ging es um die Frage, wie die ordnungsrechtlichen und förderpolitischen Weichen in nächster Zeit zu stellen sind, damit das im Klimaschutzplan definierte Zwischenziel für 2030 erreicht wird. Hierzu berichtete Herr Dr. Heidrich, Unterabteilungsleiter im BMWi, in seinem Vortrag über die Aktivitäten und Überlegungen seines Ministeriums zum Thema „Ordnungs- und förderrechtliche Stellschrauben“. In der anschließenden Diskussion tauschten sich die Teilnehmer über Hemmnisse und Lösungsvorschläge zur Umsetzung der Klimaschutzziele aus.

Beratungszwang und zusätzliche finanzielle Anreize als Anstoß zur Sanierung

Allgemeiner Konsens bestand dazu, dass die Energiewende im Bereich der Sanierung bisher nicht genügend vorangekommen ist. Die Gründe hierfür sind so vielschichtig wie bekannt: Informationsdefizite, Risikoaversion, Unsicherheit, die unübersichtliche Förder- und Beraterlandschaft, niedrige Energiepreise und ein Zinsumfeld, in dem die auf Zinsverbilligung abzielenden Förderprogramme ihr Wirkung nicht richtig entfalten können. Mit welchen Stellschrauben ließe sich also mehr Dynamik in den Sanierungsbereich bringen? So wurde u.a. die Einführung von Beratungsanlässen wie z.B. eine Verpflichtung zur geförderten Energieberatung bei Eigentümerwechsel vorgeschlagen. Auch die Energieausweise sollten in Sanierungsfahrpläne umgewandelt werden. D.h. anstatt wie bisher lediglich Auskunft über die energetische Qualität zu geben, sollten sie künftig Anstoß zur schrittweisen energetischen Gebäudesanierung liefern. Um im Mietwohnungsmarkt stärkere Anreize für Sanierungen zu liefern, solle nach einem der Vorschläge eine Deckelung der Nebenkosten in unsanierten Gebäuden eingeführt werden. Durch diese sollen Vermieter daran gehindert werden, die Kosten bei zu hohen Heizverbräuchen voll auf die Mieter umzulegen. Ein weiterer Vorschlag zum Thema Sanierungsanreize zielte auf die vorübergehende Absenkung der Grundsteuer für sanierungswillige Bauherren ab. Das so eingesparte Geld könne in Sanierungen investiert werden. Schließlich wurde auch der Wunsch nach der in der Politik seit Jahren diskutierten Einführung einer steuerlichen Förderung bekräftigt.

Gerechte Verteilung der Vorteile und Kosten von Sanierungen sicherstellen

Vor allem im Mietwohnungsmarkt ist die Frage zu klären, wie die Leistungspflichten innerhalb des Mietverhältnisses geregelt sind und wer Vorteile aus energetischen Modernisierungen für sich beanspruchen kann bzw. wer Kosten zu tragen hat. Wird durch den Vermieter eine Sanierung angestoßen, sei es wichtig, Warmmietneutralität zu erreichen. Hierzu wurde über die Idee eines an Energiebedarfsausweise anknüpfenden energetischen Mietspiegels gesprochen. Dieser erlaube eine Verlängerung der Amortisationszeit, wodurch die Investitionen für den Vermieter wirtschaftlich tragfähig und blieben gleichzeitig „warmmietenneutral“ wären. Es wurde auch vorgeschlagen, dass die Energiekosten, die der Mieter bisher an die entsprechenden Versorgungsunternehmen gezahlt hat, in einen Energieplan umgewandelt und an den Vermieter abgeführt werden könnten. So könnte sich die Sanierung über die Energieeinsparung und den durch die Sanierung steigenden Immobilienwert eigenständig finanzieren. Doch nicht nur die Quantität, sondern auch die Qualität der energetischen Sanierungen war ein Thema. Hier wurde einerseits angemahnt, Energieberater besser in den Planungsprozess einzubeziehen.

Anforderungsniveau für den Neubau mit Augenmaß festlegen

Beim Thema Neubau wurde vor allem über das Ordnungsrecht diskutiert. Mit Spannung wird der bald erscheinende Entwurf des Gebäudeenergiegesetzes erwartet. Das bestehende Anforderungsniveau, so einige der Teilnehmer, sei nicht zu anspruchsvoll. Vereinzelt wurde sogar eine Verschärfung empfohlen. Ambitionierte Energiestandards im Neubaubereich seien wichtig, um ungewollte „Lock-In“-Effekte zu vermeiden und die langfristigen Ziele im Gebäudebereich nicht zu verfehlen. Dabei müsse jedoch stets mit Augenmaß vorgegangen werden, damit Wirtschaftlichkeit und Bezahlbarkeit gewährleistet bleiben. Ein Versäumnis sei die bundesweit sehr unterschiedlich ausgestaltete Vollzugspraxis. Hier würden bei der Art und Weise der Nachweiserbringung oder Stichprobenkontrollen teils sehr unterschiedliche Ansätze verfolgt. Dies, so eine Empfehlung, solle harmonisiert werden.

Teil 2

Workshop Teil 2 (13:15 – 14:15 Uhr)
Impuls: Nachhaltige Gebäude – mehr als nur gut gedämmt und effizient beheizt.
Amandus Samsøe Sattler (Allmann Sattler Wappner Architekten, München)

Ziel des 2. Workshop-Teils war es, etwas über den Tellerrand zu blicken. Wir haben Faktoren in den Blick genommen, die großen Einfluss auf die Entwicklung der Energieverbräuche im Gebäudebereich haben, die aber außerhalb des gegenwärtigen Regulierungsrahmens von Energieeinsparrecht und Förderung liegen. Ohne deren Berücksichtigung wir jedoch Entwicklungen zulassen oder befördern, die den Energieeinsparzielen zuwider laufen. Zunächst lieferte Herr Sattler, Architekt und Gründungspartner des Münchener Architekturbüros Allmann Sattler Wappner, in seinem Vortrag „Nachhaltige Gebäude – mehr als nur gut gedämmt und effizient beheizt“ einen Überblick zu möglichen weiteren Aspekten, die beim Thema Energieeinsparung mitgedacht werden müssen. Anschließend trugen die Teilnehmer weitere, im 1. Workshop-Teil nicht genannte Widersprüche, Fehlanreize und Zielkonflikte zusammen, die den Energieeinsparzielen zuwider laufen und unterbreiteten Vorschläge, mit welchen Instrumenten und Maßnahmen diese Faktoren künftig besser adressiert werden könnten.

Nachhaltigkeitskriterien bei der Förderung stärker in den Fokus rücken

Bemängelt wurde, dass bei der Förderung energieeffizienter Neubauten und Sanierungen Nachhaltigkeitskriterien heutzutage keine Rolle spielen. Bei Neubauten und Sanierungen ginge es, wenn man es mit dem Klimaschutz ernst meine, längst nicht mehr nur um die erzielten energetischen Standards. Ebenso wichtig seien die ökologische Qualität und der CO₂-Fußabdruck der eingesetzten Materialien. Die Vorteile von nachwachsenden oder aus Recycling gewonnenen Baustoffen sollten sich in den Förderinstrumenten widerspiegeln. Der aktuell übliche Fokus auf die technischen Eigenschaften greife zu kurz und lässt Aspekte wie die zusätzliche Minderung von CO₂-Emissionen, die Schonung der eingesetzten Ressourcen, die Energieeinsparung im Herstellungsprozess sowie die Wiederverwendbarkeit oder problemlose Entsorgung unbeachtet.

Betrachtung über das Einzelgebäude hinaus auf den Kontext richten

Ordnungsrecht und Förderung seien derzeit vor allem auf das Einzelgebäude und dessen Effizienz ausgerichtet. Perspektivisch ist diese Fokussierung zu hinterfragen. Die Vernetzung zum Stadt-Quartier oder zur Liegenschaft bieten enorme Möglichkeiten der Energieeinsparung. Überhaupt können Gebäude nicht für sich genommen nachhaltig sein. Man müsse stets auf den Kontext, das heißt z.B. den Standort und die vorhandene infrastrukturelle Anbindung schauen. Ohne die kontextuelle Betrachtung befördere man überdies Fehlentwicklungen wie z.B. Zersiedelung und wachsenden Pendelverkehr.

Graue Energie in die energetische Bewertung einbeziehen

Nach Ansicht einiger Teilnehmer sollte die Graue Energie bei der energetischen Betrachtung und Bewertung von Gebäuden stärker berücksichtigt werden. Die derzeitige Betrachtungsweise greife zu kurz: wichtige Aspekte, wie die CO₂-Emissionen, eingesetzte Ressourcen und Energieverbrauch im Produktionsprozess sowie die Wiederverwendbarkeit und problemlose Entsorgung von Baustoffen müssten stärker in den Fokus gerückt werden. Ein Aspekt dabei sei der Erhalt und die möglichst lange Nutzung von Gebäuden und Strukturen. Es geht um das Offenhalten von Optionen für die Zukunft: sei es im Städtebau oder in der Architektur. Hier spielen bauliche Anpassungsfähigkeit, Nutzungsneutralität (auch in Wohngebäuden) und die Haltbarkeit eine Rolle. Ein Vorschlag hierzu war, Eigentümer von gewerblichen Bauten zur Einzahlung in einen Abrissfond zu verpflichten. Eigentümer, die sich anstatt eines Ersatzneubaus für einen Erhalt + Sanierung entscheiden, werden von der Einzahlung befreit. Damit ließe sich die Attraktivität der Option Erhalt + Sanierung gegenüber der Option Abriss + Ersatzneubau erhöhen. Ein weiterer Vorschlag war, die Erhaltung von Bausubstanz und damit verbundene Einsparungen an Grauer Energie in der energetischen Bilanzierung zu berücksichtigen. Unter Verweis auf Schweden, wo die Mehrwertsteuer für Reparaturleistungen gesenkt worden ist wurde der Vorschlag unterbreitet, Gebäudereparaturen und Sanierungen entsprechend auch in Deutschland mit einem günstigeren Mehrwertsteuersatz zu versehen. Ein weiterer Aspekt ist die Verwendung von Bauprodukten mit möglichst geringem Verbrauch an Grauer Energie. Um diese zu fördern sollten sich die Vorteile in Sachen Klimaschutz und Nachhaltigkeit auch in den politischen Förderinstrumenten widerspiegeln. Überhaupt solle die Messlatte an die Förderung künftig nicht mehr die Anzahl der geförderten Projekte oder die Höhe der bewilligten Fördermittel, sondern die CO₂-Einsparung pro eingesetztem Förder-Euro sein.

CO₂-Bepreisung einführen

Als mögliches Instrument, um die Dekarbonisierung in Deutschland voranzubringen wurde eine umfassende CO₂-Bepreisung für Strom, Wärme und Verkehr diskutiert. Angesichts der sehr geringen Preise gerade bei fossilen Energieträgern sind zuletzt die meisten Wirtschaftlichkeitsversprechen unglaubwürdig geworden. Über eine CO₂-Steuer könnten die ökologischen Folgekosten unterschiedlicher Energieträger endlich gerecht mit einem Preisschild versehen und so die Wettbewerbsfähigkeit von Energieeffizienzmaßnahmen und erneuerbaren Strom-Wärme-Anwendungen erhöht werden.

Effizienz nicht nur bei Einzelgebäuden, sondern auch auf Siedlungsebene fördern

Das Bauplanungsrecht bietet nach Ansicht einiger Teilnehmer Möglichkeiten, Energieeffizienz zu fördern, vorausgesetzt, es werden eindeutige Rechtsgrundlagen geschaffen. Vor allem bei der Bauleitplanung besteht bislang keine rechtssichere Festsetzungsmöglichkeit für Energieeffizienzmaßnahmen, was bei Städten und Kommunen zu einem sehr zurückhaltenden Umgang mit derartigen Instrumenten führt. Auch die Siedlungsdichte als wichtiges Kriterium für die Effizienz von Infrastrukturen müsse man stets im Blick behalten.

 

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