Workshop 5: Umbaukultur – Der Gebäudebestand als Ressource

»Wie kann Um- und Weiterbauen das neue „Normal“ werden?«

Links: Glashütte Baugruppe Alt-Stralau 2018 in Berlin © Büro Eyrich Hertweck Architekten, Fotograf: Peter Westphal
Rechts: Platte Marina Marina, Berlin

Moderation

Sven Schlebes
Geschäftsführer der Beratungsgesellschaft Goldene Zeiten Berlin

Teilnehmer

Julian Latzko
Abteilung Baukulturbericht und Projekte der Bundesstiftung Baukultur

Christina Patz
oordinatorin für Bauen im Bestand bei Architects for Future Deutschland e.V. (A4F)

Anita Eyrich & Christian Hertweck
Gründer des Büros Eyrich Hertweck Architekten

Daniel Bormann
Gründer, Partner und Geschäftsführer der REALACE GmbH

 

Im Workshop „Umbaukultur – Der Gebäudebestand als Ressource“ ging es um die Frage, wie das Um- und Weiterbauen anstelle von Abriss und Neubau das neue „Normal“ werden kann. Wenn es um die Schaffung neuer energie- und flächensparender Räume und effizienter Nutzungen geht, erweist sich der Baubestand als beste und nachhaltigste Ressource. So zeigt etwa die „Deutschlandstudie 2019 – Wohnraumpotentiale von Nichtwohngebäuden“ (Pestel-Institut / TU Darmstadt), dass die untersuchten Gebäudetypologien in ihrer Gesamtheit ein Potenzial von bis zu 2,7 Mio. zusätzlichen Wohnungen bieten. Allerdings erschweren die derzeitigen Baugesetze und Regularien aufgrund ihrer Fokussierung auf den Neubau die Umsetzung innovativer Umbau- und Weiternutzungskonzepte.

Den Workshop eröffnete Herr Latzko von der Bundesstiftung Baukultur mit einem theoretischen Impuls und umschrieb darin, was Umbaukultur bedeute und wie der Weg zu einer Umbaukultur aussehen könnte. Er verdeutlichte, dass einerseits Menschen Räume prägen, andererseits auch Räume Menschen prägten. Daher müsse immer auf eine entsprechende Planungs- und Prozessqualität im Gebäudebereich geachtet werden. Es sei auch sinnvoll, bei der Planung schon eine spätere Weiternutzung des Gebäudes mitzudenken und dem Gebäude eine gewisse Flexibilität zu belassen. Ein Umbau sei zudem gegenüber einem Neubau nicht nur nachhaltiger, sondern trage auch zur Schonung der Ressourcen bei. Herr Latzko forderte, dass man nicht länger nur auf die reinen Energiekennwerte schauen dürfe, sondern auch die graue Energie in die Bilanz einbeziehe.

Anschließend beschrieb Frau Christina Patz von Architects for Future (A4F) welche konkreten Hindernisse für die Akteure derzeit bei Planen und Bauen im Bestand bestehen und welche Rahmenbedingungen sich ändern müssten, damit der Umbau von Gebäuden erleichtert wird. Hierzu haben A4F nach ausführlicher Recherche dezidierte Vorschläge ausgearbeitet und in einem offenen Brief an die Bauministerkonferenz die Weiterentwicklung der Musterbauordnung in eine „MusterUMbauordnung“ gefordert. Ein klimaneutraler Gebäudebereich sei nur dann realisierbar, wenn der Gebäudebestand revitalisiert, mit den Ressourcen wertschätzender umgegangen und die Kreislauffähigkeit sichergestellt werde. Dafür müssten allerdings die rechtlichen Rahmenbedingungen angepasst werden. Daher forderte Frau Patz eine Novellierung der Bauordnung, damit das Bauen im Bestand erleichtert und der Einsatz gebrauchter Materialien für Bauvorhaben ermöglicht werde.

Anschließend präsentierten zwei Architekturbüros Beispiele aus der Praxis, die eindrucksvoll zeigten, wie statt Abriss und (Ersatz-)Neubau auch ein Umbau gelingen kann. Beim ersten Projekt „Glashütte Baugruppe Alt-Stralau“ empfahlen alle Gutachten zum Gebäude einen Abriss. Frau Anita Eyrich und Herr Christian Hertweck stellten sich dennoch der Herausforderung, das Gebäude umzubauen und schilderten in ihrer Präsentation wie es ihnen gelang, die auftretenden Hindernisse während des Planungs-und Bauprozesses zu überwinden. So konnte z.B. nicht wie geplant das gesamte vorhandene Baumaterial recycelt werden, da viele Stoffe aufgrund von Verklebungen nicht mehr voneinander trennbar und somit nicht mehr wiederverwertbar waren. Letzten Endes habe man es aber geschafft, so viel wie möglich von dem ursprünglichen Material beim Umbau wieder zu verwenden und den Charakter des Gebäudes beizubehalten.

An dem zweiten, von Herrn Daniel Bormann, vorgestellten Projekt „Marina Marina“ war besonders bemerkenswert, dass es sich um den Umbau eines Plattenbaus handelte. Herr Bormann erklärte, dass sich für diesen speziellen Gebäudetyp im Gegensatz zu Gründerzeithäusern oder denkmalgeschützten Gebäuden oft keine Liebhaber finden, welche trotz erhöhter Kosten und mehr Risiken einen Umbau wagen, anstatt einen Abriss und Ersatzneubau vorzunehmen. Sein Büro nehme sich gerade diesen Objekten an. Er plädierte für mehr dynamische Anreize, um den Umbau von Gebäuden attraktiver zu machen. Er gab daneben auch zu bedenken, dass der Bestand allerdings allein nicht ausreichen werde, um den gestiegenen Bedarf an Wohnraum in den Ballungszentren zu decken. Aufstockung und Umbau seien zwar ressourcenschonende Möglichkeiten der Wohnraumschaffung, jedoch sei nicht jeder Standort gleichermaßen dafür geeignet. In einigen Gebieten sei eine Wohnbebauung schlicht nicht zulässig, so dass Gebäude in diesem Gebiet nach dem derzeit geltenden Recht nicht zu Wohneinheiten umgebaut werden können.

Fazit

Baugesetze und Regularien, die historisch bedingt auf den Neubau ausgerichtet sind, müssen geändert werden, damit eine neue Baukultur – eine Umbaukultur - mit dem Fokus auf den Bestand möglich wird. Nur so können die Potenziale, die bereits im Bestand schlummern, durch Umbau nutzbar gemacht werden und Klimaneutralität im Gebäudebestand erreicht werden.

Präsentationen zum Herunterladen

 

 

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